Vorträge zu Kämpfen um § 218

Im Juni habe ich Vorträgen gelauscht zum Thema „Feministische Kämpfe um körperliche Selbstbestimmung in der Weimarer Republik und in der BRD in den 1980ern“. Es war ein inspirierender Abend mit drei Vorträgen, den Feminism Unlimited* Kassel organisiert hat. Nach den Vorträgen entstand ein reges Gespräch zwischen den Referentinnen und dem Publikum.

Kämpfe in der Weimarer Republik

Der Abend begann mit den vergessenen Kämpfen in der Weimarer Republik.
Der § 218 war 1871, also im Kaiserreich eingeführt worden und stellte jede Abtreibung unter Strafe. Nach diesem § waren auch medizinische Abtreibungen ein Verbrechen, wenngleich sie in der Realität gewöhnlich nicht geahndet wurden. Diese Tatsache sorgte von Beginn an dafür, dass Ärzt’innen sich kritisch mit jenem § auseinandersetzten.
Nachdem 1920 Abtreibungen in Russland komplett legalisiert wurden, griffen insbesondere Ärzt’innen und Künstler’innen, die dem Kommunismus nahe standen, die Idee des legalen Schwangerschaftsabbruchs auf. Sie sahen das Elend der Arbeiter’innen, die auf beengtem Raum ohnehin oft schon zu viele Mäuler zu stopfen hatten. Viele wussten schon zu Beginn einer Schwangerschaft, dass sie ein weiteres Kind nicht würden ernähren können. Da sie bei den Ärzt’innen keine Hilfe fanden, versuchten sie den Abort selbst herbeizuführen oder wandten sich an Kurpfuscher’innen – nicht selten mit tödlichem Ausgang.
Im Versuch dieses Elend zu mildern entstanden Sexualberatungsstellen, in denen Ärzt’innen ehrenamtlich über Verhütungsmittel und andere Ehebelange aufklärten. Schnell wurden diese Orte zu einem Raum für regen Austausch über ein bislang peinlich verschwiegenes Thema: Die Warteräume waren gefüllt mit angeregt über Sex- und Eheleben diskutierenden Personen. Hier konnten sie erfahren, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht allein sind und sich miteinander solidarisieren.
Mit wachsendem öffentlichen Druck wurde der Schwangerschaftsabbruch 1926 von einem Verbrechen, zu einem Vergehen herabgestuft. Statt Zuchthaus (Freiheitsentzug und Zwangsarbeit) wartete nun Haft (Freiheitsentzug) auf Menschen die Abtrieben oder Abtreibungen vornahmen. 1927 wurde zudem die medizinische Indikation eingeführt.

Else Kienle und Friedrich Wolf

Vielen Ärzt*innen griff diese Gesetzesänderung zu kurz. Sie ermöglichte Ihnen weiterhin nicht, notleidenden Schwangeren zu helfen. Um auf das soziale Dilemma hinter illegalen Abtreibungen aufmerksam zu machen veröffentliche der Frauenarzt Friedrich Wolf 1929 das Stück Zyankali. Es erzählt von einer jungen Arbeiterin, die von ihrem Geliebten schwanger ist. Zunächst sind sie sich einig, dass das Kind geboren werden soll, schließlich verdienen sie gemeinsam genug Geld. Doch dann rufen die Arbeiter’innen in der Fabrik des Kindsvaters den Streik aus, woraufhin er seine Arbeit verliert. In finanzieller Not klaut er Lebensmittel und wird alsbald in Haft genommen. Unter diesen Umständen beschließt die schwangere Protagonistin abzutreiben. Doch findet sie keine Hilfe und stirbt schlieslich am Abtreibungsversuch. Das Stück porträtiert die Lebensrealität vieler Arbeiter’innen und wird zu einem riesen Erfolg.

Doch auch Ärzt*innen aus konservativem Millieu erkannten die Notwendigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen: Else Kienle beginnt nach dem Studium in einer Frankfurter Klinik zu arbeiten, in der Sexarbeiter’innen zwangsbehandelt werden. Sie sieht und begreift die Not dieser Frauen. Als sie eine eigene Praxis aufmacht, nimmt sie hier auch medizinische Schwangerschaftsabbrüche vor. Im Gegensatz zu vielen Koleg’innen sieht sie keinen Unterschied zwischen einer medizinischen und einer sozialen Indikation. Durch diesen Umstand wird sie im Februar 1931 gemeinsam mit dem Arzt und Autor Friedrich Wolf verhaftet.

Dr. Else Kienle und Dr. Friedrich Wolf vor Gericht

Wolf, wohlbekannt und gut vernetzt, kommt bereits nach 5 Tagen aus der Untersuchungshaft frei. Anders Else Kienle: Sie hatte allein gehandelt, ohne Verbündete oder Unterstützer’innen. Sie errang ihre Freiheit mit einem Hungerstreik bis in die Ohnmacht. Nach dieser Erfahrung schloss sie sich der Bewegung gegen den §218 an. Im April 1931 sprach sie gemeinsam mit Friedrich Wolf im Berliner Sportpalast vor über 100.000 Menschen. Die Idee des legalen Schwangerschaftsabbruchs hatte also viele Anhänger’innen in der Weimarer Republik.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten versuchte man die Zeugnisse dieser Bewegung zu vernichten: Kampfschriften, Bücher und künstlerische Arbeiten rund um diesen Themenkomplex wurden verbrannt. Auf diese Weise gerieten die Kämpfe der Weimarer Republik weitgehend in Vergessenheit.

Kämpfe in der Bundesrepublik

Im Anschuss erzählten Aktivistinnen und Zeitzeuginnen aus Kassel vom Kampf gegen § 218 in den 1980er und 90er Jahren. Sie haben damals die Bundesweite koordination gestaltet. Da sie keinen Vortrag mit Powerpoint und co gehalten haben, sondern frei erzählten, kann ich mich hier wesentlich schlechter erinnern.
Nach Ende des dritten Reiches trat der § 218 von 1926 wieder in Kraft. Abtreibung ist ein Vergehen und eine medizinische Indikation gibt es nicht. In den 70er Jahren begannen sich weibliche, inter und trans Personen in der feministischen Bewegung erneut zu solidarisieren. Sie gaben einander Tips, wohin eine reisen könnte um abzutreiben oder halfen sich selbst. So wurden Busreisen zu niederländischen Kliniken organisiert: gemeinsame Reisen zur Abtreibung.
In Kassel fanden Massageworkshops statt, in denen Gebärhfähige lernten, eine Abtreibung im frühen Stadion der Schwangerschaft herbeizuführen. Da eine wichtige Vorraussetzung hierfür war, das die’der Schwangere noch keinen Test gemacht hatte, ist der Erfolg dieser Massage nicht bewiesen. Dennoch entstand hieraus ein Gefühl der Verbundenheit und Selbstermächtigung.
Mit dem Erstarken der Bewegung erhielt sie auch mediale Aufmerksamkeit: Der Sternartikel „Ich habe Abgetrieben“ vom Februar 1989 ist auch 30 Jahre später noch vielen ein Begriff.
Mit dem Mauerfall schien der Erfolg zum Greifen nahe: In der DDR galt seit 1965 eine bedingungslose Fristenregelung. Da diese auf dem Gebiet der neuen Bundesländer zunächst weitergalt, reisten Abtreibungstouristinnen nun also gen Osten. Bis heute schütteln die Aktivistinnen die Köpfe darüber, dass diese Regelung aufgehoben wurde: 1995 wurde der § 218 zum bisher letzten Mal reformiert. Abtreibungen sind in Deutschland noch immer eine Straftat. Dennoch bleiben sie unter bestimmten Bedingungen straffei: mit medizinischer Indikation dürfen sie in der gesamten Schwangerschaft vorgenommen werden. Mit kriminologischer Indikation dürfen sie in den ersten 12 Wochen vorgenommen werden. Alle anderen unerwünschten Schwangerschaften dürfen nur nach einer Beratung und anschließender Wartezeit von 3 Tagen in den ersten 12 Schwangerschaftswochen vorgenommen werden.

Die Inspiration

Für mich waren Beide Vorträge unglaublich spannend. An jenem Abend waren noch weitere Künstler’innen im Raum. Am Ende des Abends schauten wir uns mit funkelnden Augen an – Ja eine Ausstellung zum Thema Schwangerschaftsabbruch, das wäre was. Besonders in Erinnerung an die Künstler’innen, die in den 20ern bereits zu diesem Thema gearbeitet und ausgestellt haben!
Mich persönlich hat dieser Gedanke nicht mehr losgelassen. Seither recherchiere ich zu den Debatten um §§ 218 – 220.

Das Kasseler Frauenhaus

Zuletzt erzählten noch Mitarbeiterinnen vom autonomen Frauenhaus in Kassel von ihren Kämpfen. Diesen Teil werde ich in einem gesonderten Beitrag am Tag gegen Gewalt gegen Frauen wiedergeben. Sie lesen mich also am 25. November wieder!