Gendersensible Sprache in politischen Kontexten

Mit dem Frauen*AktionsKunstKollektivt gestalte ich Räume, um über Sex und Körperlichkeit zu reden. Gerade bei diesen Themen fühle ich mich schnell am Ende der Sprache. Wie rede ich über Körper, Anatomie und Sinnlichkeit ohne dabei in Schubladen zu rutschen? Ich möchte gerne alle Geschlechtlichkeiten ansprechen und all die vielfältigen Körper meinen, die wir Menschen nunmal haben. Gleichzeitig bin ich geprägt von Sexualwissen über zweigeschlechtliche Körper… um überhaupt Worte zu finden, habe ich den Workshop „Gendersensible Sprache in politischen Kontexten“ besucht. Der hat mir ein weites sprachliches Übungsfeld eröffnet.

Diskriminierung und Privilegierung

Wir gestalten unsere Gesellschaft nach zugrundeliegenden Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Das machen wir nicht bewusst. Vielmehr wurden wir dazu sozialisiert, bestimmte Eigenschaften als höherwertig zu wahrzunehmen als andere. Es ist also kein Problem Einzelner, sondern fester Bestandteil unseres Gesellschaftssystems.
Es wirkt sich auch auf alle Teile der Gesellschaft aus. Manche Personen sind in diesen Verhältnissen privilegiert. Ohne es zu wollen, ziehen sie einen Nutzen aus den Herrschaftsverhältnissen. Andere erleben wegen dieser Machtstrukturen weniger Eigenmacht. Sie werden diskriminiert.
Weil diese Herrschaftsverhältnisse für sehr viele verschiedene Eigenschaften gelten, erleben die meisten Menschen für bestimmte Eigenschaften Benachteiligungen und für andere Privilegierung. Das passiert in jeder Lebensphase und in jedem Aspekt des Lebens.
Eigenschaften die hierbei eine Rolle spielen sind zum Beispiel: Das Geschlecht, das Alter, der Körper, die Herkunft, die verfügbaren Fähigkeiten oder finanziellen Mittel.

Sexismus als Machstruktur

Bei Sexismus geht es um die Eigenschaft „Geschlecht“. Aus diesem Herrschaftssystem ziehen cis Männer einen unabsichtlichen Nutzen. Cis Männer sind Männer, die schon bei ihrer Geburt als Männer eingeordnet wurden.
Alle anderen Geschlechter werden benachteiligt. Cis Frauen haben also nicht so viele Möglichkeiten wie cis Männer. Trans Frauen und trans Männer haben noch einen weiteren Nachteil: Sie wurden bei Geburt falsch zugeordnet und müssen sich mühsam aus diesen falschen Schubladen befreien. Zudem erklärt der Gesetzgeber sie für krank. Auch Menschen, die zu inter zählen, werden zu Kranken erklärt. Für Menschen, auf die keines der bisher ewähnten Geschlechter passt, gibt es nichtmal ein Personenstandsgesetz, das ihre Existenz anerkennt. Ihnen teilt die BRD mit, dass es sie gar nicht geben sollte.

Sexismus im Alltag

Wer Krank ist, oder gar nicht Sein sollte, wird im Alltag auch nicht mitgedacht. So gibt es allerorts Toiletten für Frauen und solche für Männer. Wo sollen die anderen Personen ihre Notdurft verrichten? Bücher werden meißt in männlicher Sprache geschrieben. Die anderen Menschen dürfen so tun, als wären sie auch gemeint.
Oft werden bestimmten Körperformen auch pauschal Eigenschaften zugeordnet. So heißt es zum Beispielt Frauenärzt’in, obwohl die Ärzt’in gar nicht auf Frauen spezialisiert ist, sondern auf  Menschen mit Vulvina und vielleicht auch Uterus. So werden bestimmte Bilder gestärkt und viele Lebensrealitäten verschwiegen. Genau hier setzt sprachliches handeln an.

Sprache als Handlung

Sprache beschreibt Wirklichkeiten und gleichzeitig erschafft sie diese. Ich kann entscheiden, welche Worte ich wähle, um etwas zu beschreiben. Ich kann entscheiden, was ich wie benenne. Mit dieser Entscheidung schaffe ich eine Wirklichkeit.
Wenn ich von der FußballWM und der HerrenfußballWM spreche, zeige ich mit meiner Wortwahl, dass Frauenfußball für mich normal ist. Herrenfußball mache ich zur nennenswerten Ausnahme.
Wenn in einem Kollektiv 20 Personen verschiedener Geschlechter tätig sind und ich von 20 Mitarbeiterinnen spreche, verschweige ich die Geschlechter aller Nichtweiblichen Personen. Sie sind mir der Erwähnung nicht wert. Mit meiner Wortwahl kann ich also Machtverhältnisse erschaffen oder sie festigen.
Ich kann aber auch neue Räume eröffnen: Ich könnte von 20 Mitarbeitenden reden, weil ihre Geschlechter beim Tätigsein egal sind. Wenn ich von 20 Mitarbeiter*innen oder von 20 Mitarbeitx schreibe, hebe ich hervor, dass es geschlechtliche Vielfalt gibt. Genauso betone ich die Idee von Zweigeschlechtlichkeit wenn ich von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen spreche.
Schreiben und Sprechen erfordert also sehr viele wohlüberlegte Entscheidungen. Andernfalls kommt schnell was bei raus, was ich gar nicht sagen oder tippen wollte – ohje.

Realisierungsformen von Genderismus

Nachdem ich nun weiß, welch genaue Unterscheidungen ich mit meinen Worten machen kann, haben wir im Workshop auch über einige Fallstricke gesprochen. Sie alle beschreiben Eigenschaften, zu denen ich Machstrukturen im Kopf habe und haben was mit Geschlecht (also Gender) zu tun. Darum heißen sie Genderismen. Wenn ich mir die Bewusst mache, kann ich sie mit meiner Sprache durchbrechen. Klar, das ist super aufwendig. Aber immer, wenn ich mir denke: „boah, das ist so kompliziert!“ werde ich hoffentlich an das Uniseminar denken, dass ich vor kurzen hatte: Der Dozent hat sich redlich Mühe gegeben, das Seminar in der X-Form zu halten (er sprach von Künstlx und Gestaltx). Er hat dabei ständig Fehler gemacht. Aber allein mit dem Versuch hat er nichtbinäre Menschen anerkannt und ihre Existenz ausgesprochen. Das ist weitaus achtungsvoller, als aalglatte Sätze.

Zwei Genderung:
Annahme: Es gibt nur zwei Geschlechter, nämlich männlich und weiblich
Beispiele: Männer- und Frauentoiletten, „Sehr geehrte Damen und Herren“
Benachteiligt: alle anderen Geschlechter

Cis Genderung: 
Annahme: Personen haben ein beständiges, von Außen festsetzbares Geschlecht.
Beispiele: Geschlechtszuweisung in der Schwangerschaft, Pronomen werden nicht erfragt
Benachteiligt: Menschen mit falsch zugewiesener oder wechselnder Geschlechtsidentität

Androgenderung:
Annahme: Männlichkeit ist die Norm
Beispiele: weibliches Geschlecht als Lücke, Fußball und Frauenfußball, genäres Maskulinum
Benachteiligt: alle anderen Geschlechter

Heteragenderung:
Annahme: Liebespartnerschaften und Erotik finden zwischen cis Männern und cis Frauen statt
Beispiele: Normsetzung von als weiblich positionierten Personen als heterosexuell, „Outing“ nur von Lesben
Benachteiligt: Menschen, die nicht heterosexuell begehren und lieben

Reprogenderung:
Annahme: Reproduktionssfunktion der cis Frau,
Besipiele: Einstellungshindernis vermeintlicher Kinderwunsch, Familie = VaterMutter/Kind(er), automatische rechtliche Mutterschaft, keine automatische Vaterschaft außerhalb von Ehe
Benachteiligt: Frauen ohne Kinderwunsch, trans Eltern

Kategorialgenderung:
Annahme: Geschlecht als Kategorie existiert und spielt immer eine Rolle
Beispiele: positiver Personenstand, Angabe des Personenstands bei Bewerbungen
Nachteile: Geschlecht wird an Stellen thematisiert, wo es keine Rolle spielt