Vortrag zum autonomen Frauenhaus Kassel

Letzten Monat habe ich von den Vorträgen zu „Feministischen Kämpfen um körperliche Selbstbestimmung in der Weimarer Republik und in der BRD in den 1980ern“ berichtet. Also zumindest von zweien der drei.

Nach den ersten beiden Vorträgen war mein Kopf schon sehr angefüllt von all den Informationen und Ideen. Weil es nicht nur mir so ging, haben sich die beiden Mitarbeiterinnen des Autonomen Frauenhauses sehr kurz gefasst. Und jetzt, da ich die Eindrücke aufschreiben will, merke ich, wie wenig Details hängengeblieben sind.

Gründung des autonomen Frauenhauses

Mitte der 1970er Jahre fand sich auch in Kassel eine autonome Frauenbewegung zusammen. Frau traf sich im Frauenzentrum, welches noch heute seine Türen als FrauenLesbenZentrum für cis(?) Frauen öffnet. In diesem geschützen Rahmen sprachen cis Frauen miteinander über ihren Alltag. Gemeinsam erkannten sie, dass das private politisch ist, und sie etwas am Privaten ändern wollten. Bereits 1976 gründeten einige einen Verein für ein autonomes Frauenhaus. Hier sollten Frauen Schutz vor häuslicher Gewalt finden. Um dieses Projekt zu ermöglichen, beantragten sie auch Fördergelder. Bis sie allerdings die ersten Fördergelder bekamen, dauerte es ganze zehn Jahre. Also schufen sie das autonome Frauenhaus mit Eigenmitteln und viel ehrenamtlicher Tätigkeit.

Eine kurze Geschichte des autonomen Frauenhauses

In angemieteten Wohnungen wurden 1979 die ersten Frauen und Kinder untergebracht. Schnell war klar, dass der Platz nicht reichte. Es waren mehr Frauen auf die Hilfe des Frauenhauses angewiesen, als Wohnungen vorhanden waren. Zudem verbrachten die Frauen viel Zeit im Frauenhaus, weil es für sie sehr schwer war, eigene Wohnungen zu finden.
Die Stadt sah weder in der räumlichen noch der finanziellen Not einen Handlungsbedarf. So ist die Geschichte des Frauenhauses geprägt von einem unablässigen Ringen um seine Existenz. Diesen Existenzkamp fochten autonome Frauenhäuser in der gesamten Bundesrepublik. Häufig wurden ihnen die Mittel zur Existenzsicherung verweigert – bis ein Träger der Kirche oder Wohlfahrt das Frauenhaus übernahm. 1997 drohte auch dem autonomen Frauenhaus in Kassel die übernahme durch die AWO. Die Frauen wehrten sich erfolgreich – mit einer Hausbesetzung.
Heute hat das Frauenhaus vier bezahlte Vollzeitmitarbeiterinnen und viele engagierte Ehrenamtliche.  Nächstes Jahr feiert das Frauenhaus bereits sein 40jähriges bestehen und kann auf eine bewegte und widerständige Geschichte zurückblicken.

Platz der widerstandleistenden Frauen

zur Walpurgisnacht 1991 eroberten Frauen aus dem FrauenLesbenZentrum und dem autonomen Frauenhaus den vorderen Westen:
In Kleingruppen zogen sie durch die Straßen und benannten sie nach einflussreichen Frauen. So manche wurde während der Aktion festgenommen. Hintergrund der Aktion war die Tatsache, dass es im vorderen Westen kaum weiblich benannte Straßen gab. Frauen waren im Straßenbild also extrem unterrepresentiert.  Die Frauenstraßen, die es gab und gibt heißen „Annastraße“ oder „Reginastraße“. Sie tragen also nur die Vornamen von Frauen, nicht ihren vollen Namen. Damit wird ihre Bedeutung weniger anerkannt, als die der Männer. Letztere werden in Straßennamen üblicherweise mit Vor- und Zuname genannt – insbesondere wenn sie weiß(?) sind.
An diesem Abend wurde auch der Platz vor dem FrauenLesbenZentrum, der keinen eigenen Namen hatte, getauft: er war nun der „Platz der widerstandleistenden Frauen“.

Denkmal für die unbekannte Deserteurin/Saboteurin

Denkmal für die unbekannte Deserteurin/Saboteurin
Denkmal für die unbekannte Deserteurin

Der Platz der widerstandleistenden Frauen war damals eine riesige Verkehrskreuzung mit einer sandigen Verkehrsinsel in der Mitte. Vor Walpurgis hatten die Frauen in diesem Oval ein Loch gegraben, darin einen Sockel gegossen und eine Skulptur aufgestellt. Eine forsch voranschreitende Frau zierte nun den tristen Platz. Es war das „Denkmal für die unbekannte Deserteurin/Saboteurin“. Mit Tänzen und Gesang wurde es in der Walpurgisnacht 1991 eingeweiht. Ein Bild dieser Skulptur habe ich hier entliehen. Nur zwei Jahre später lies die Stadt das Denkmal, für das es nie eine Genehmigung gegeben hatte,  wieder abreißen.
Wiederum zu Walpurgis errichteten Frauen im Jahr 2000 ein weiteres Denkmal: „Zur Erinnerung an die Ermordeten, vergewaltigten Lesben, Frauen, Mädchen, Jungen“. Sie platzierten es auf dem Sockel des früheren Denkmals. Nach wenigen Wochen wurde auch dieses Denkmal zerstört.

Der Platz der widerständigen Frauen Heute

Auch wenn der Platz der widerständigen Frauen diesen Namen nie offiziell erhielt, macht er ihm doch seit 30 Jahren alle Ehre. Auch die Praxis zweier nach § 219a angeklagter Ärztinnen liegt an diesem Platz. Mit ihrem Kampf für ein Informationsrecht schwangerer Personen leisten sie einen wunderbaren Beitrag zu körperlicher Selbstbestimmung. Klare Sache, dass die Aktivistinnen vom autonomen Frauenhaus sie unterstützen.

?

Das Adjektiv cis beschreibt Menschen, die das Geschlecht haben, dass ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Es gibt auch Menschen, die bei der Geburt einem falschen Geschlecht zugeordnet wurden. Das sind trans Personen. Viele von ihnen werden auch im falschen Geschlecht erzogen und von außen daran gehindert, zu sich selbst zu finden.

Das Adjektiv weiß beschreibt Menschen, die nicht negativ von Rassismus betroffen sind.