Über die dritte Option

Im Dezember war ich zu einer Podiumsdiskussion zur dritten Option eingeladen. Eine gute Gelegheit um mich zu sammeln und zu strukturieren, was es damit auf sich hat.

Kampagne 3. Option

Alles begann mit der Kampagne 3. Option, die Vanja auf dem Klageweg bis vors Bundesverfassungsgericht begleitete. Vanja zählt zu Intersex und ist nichtbinär, verortet sich geschlechtlich also außerhalb von männlich oder weiblich. Dies im Personenstand sichtbar zu machen, verwehrte der Staat jedoch: laut Gesetz gibt es nur weiblich, männlich oder eine Leerstelle. Dass dieses Gesetz Vanjas Grundrechte verletzt, hat das Bundesverfassungsgericht am 10.Oktober 2018 geurteilt:

  1. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) schützt die geschlechtliche Identität. Es schützt auch die geschlechtliche Identität derjenigen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen.
  2. Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG schützt auch Menschen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen, vor Diskriminierungen wegen ihres Geschlechts.
  3. Personen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen, werden in beiden Grundrechten verletzt, wenn das Personenstandsrecht dazu zwingt, das Geschlecht zu registrieren, aber keinen anderen positiven Geschlechtseintrag als weiblich oder männlich zulässt.

BUNDESVERFASSUNGSGERICHT  – 1 BvR 2019/16 –

Aber wie schaut eigentlich eine Praxis zur Personenstandsbestimmung aus, die eine Person veranlasst dagegen bis vors Bundesverfassungsgericht zu klagen?

Inter*

In der Bundesrepublik müssen laut Gesetz Menschen gleich nach ihrer Geburt geschlechtlich zugeordnet werden. Dafür schauen Ärzt’innen dem Neugeborenen zwischen die Beine. Diese Routine findet statt, obwohl die Biologie selbst ein Spektrum ist, in dem „männlich“ und „weiblich“ lediglich zwei körperliche Extreme bilden. Körper, die einem diese Extreme entsprechen werden mit der Eigenschaft dyadisch beschrieben. Zwischen diesen Extremen liegt eine große Vielfalt, die sich in chromosomalen, genetischen, genitalen, hormonellen und sekundären Merkmalen zeigt. Diese Vielfalt wird mit der Eigenschaft inter beschrieben.

Wie kann man ein männliches oder weibliches Geschlecht zuordnen, wenn der Körper eine ganz andere Kategorie eröffnet? Lange mussten die Eltern von inter Kindern innerhalb einer Frist entscheiden, ob sie ein „Mädel“ oder einen „Buben“ erziehen würden. Der Gesetzgeber erzwang eine offensichtlich falsche Zuweisung und Ärzt’innen bedrängten die Eltern noch obendrein.
Um das Erscheinungsbild der kleinen Menschen im normativen Sinne männlich oder weiblich zu machen, werden inter Personen oft Behandlungen aufgezwungen: An Neugeborenen finden missbräuchliche Operationen statt, die bis hin zu ihrer Sterilisation führen und Heranwachsenden werden Hormone eingeflößt. In der Folge erfahren viele Menschen erst spät, dass sie zu Intersex zählen oder gelten ihr ganzes Leben als kranke Frauen oder Männer.  Seit 2009 darf bei inter Personen der Geschlechtseintrag frei bleiben. Das inter Personen vollständige, gesunde Körper und individuelle Geschlechter haben, wird jedoch immer noch verkannt.

Trans*

Die geschlechtliche Zuordnung findet statt, obwohl der Körper gar nicht aussagt, welches Geschlecht ein Mensch hat. 2015 hat der Weltärzt’innenbund anerkannt, dass die wahren Expert’innen für ihr Geschlecht, alle Personen selbst sind. Nichtsdestotrotz gilt trans Sein bis zum in Kraft treten des ICD-11 im Jahr 2022 weiterhin als psychische Krankheit, welche von vermeintlich psychiatrisch-medizinischen Expert’innen erkannt und diagnostiziert wird. Zumindest erkennt die Medizin offiziell jetzt schon an, dass der Krankheitswert für trans Personen nicht in ihrem Geschlecht liegt. Vielmehr macht die Tatsache krank, dass trans Personen in einer Gesellschaft leben müssen, die ihr Geschlecht verkennt.

Während das Neugeborene sich unmöglich zur eigenen Identität äußern kann, spielen die Ärzt’innen ein Ratespiel. Viele Menschen haben dabei Glück: Sie identifizieren sich als Frau und wurden als Baby weiblich benannt, weil sie eine Vagina und eine Vulva haben. Die anderen Glückspilze identifizieren sich männlich und weil sie Hoden und einen Penis haben, wurden sie männlich eingeordnet. Menschen, denen bei ihrer Geburt das richtige Geschlecht zugewiesen wurde, sind cis Menschen. Natürlich können cis Personen auch zu Intersex zählen. Das gilt zum Beispiel für Frauen mit polyzystischen Ovarien.

Problematisch ist diese Praxis für trans Menschen. Ihnen wird nach der Geburt ein falsches Geschlecht zugewiesen, weil der Gesetzgeber den Körper mit dem Geschlecht gleichsetzt. Eigentlich sind Körper und Geschlecht jedoch zwei unterschiedliche, voneinander unabhängige Kategorien. Wenn Nichtbinäre oder Frauen mit Penissen, männlich benannt werden oder wenn Männer oder Nichtbinäre mit Vulvina als weiblich kategorisiert werden, wird ihnen immer wieder erzählt, diese rechtliche Kategorie wäre ihre geschlechtliche Identität. Oft wird ihnen während sie heranwachsen tagtäglich ein völlig falsches Bild ihrer selbst präsentiert und verlangt, dass sie diesem entsprechen. In dieser Lüge aufzuwachsen bringt verheerende psychische Konsequenzen mit sich und es braucht viel Kraft aus dieser Lüge über das eigene Geschlecht auszubrechen –  schließlich hält das gesamte Umfeld daran fest.

Gesetzliche Gewalt

Im aktuellen Personenstandsgesetz schreibt der Gesetzgeber also eine Praxis vor, die für inter und trans Personen äußerst gewaltvoll ist. Diese Regelung ist mitverantwortlich dafür, dass Trans und Inter oft erst recht spät geeignete Worte für sich selbst, ihre Körper und ihre Identität finden. Trans Frauen und trans Männer müssen teure, aufwändige und erniedrigende Gerichtsverfahren in Anspruch nehmen, um ihre korrekte Identität auch auf dem Papier vermerkt zu wissen. Bis 2011 mussten sich trans Personen hierfür sogar sterilisieren lassen.  Inter Personen und Nichtbinären gab der Staat bis zum Dezember 2018 überhaupt nicht die Möglichkeit ihr Geschlecht zu benennen. Damit hielt er ihnen Grundrechte vor, die für cis Personen selbstverständlich sind.

Mit der Kampagne 3. Option und der Aktion Standesamt geht die Forderung einher, die Gewalt, die inter und trans Personen von Medizin und Gesetz erfahren, zu beenden. Dabei ist es grundsätzlich sinnfrei, Inter und Trans getrennt zu denken, schließlich geht es bei der geschlechtlichen Identität eben gerade nicht um körperliche Merkmale.

Forderungen

Es wäre angemessen, das Geschlecht erst dann einzutragen, wenn eine Person die eigene Geschlechtsidentität benennen kann und will. Und da mit dieser Person bereits die kompetenteste Expert’in spricht, sollten Gutachten oder Atteste, die von außen ein Geschlecht zuweisen, nicht notwendig sein. Auch müssen Zwangsbehandlungen immer und an jedem Menschen verboten werden. Behandlungen sollen ausschließlich auf Wunsch von trans und inter Personen erfolgen. Sie müssen ihren Bedürfnissen entsprechen und hürdenfrei zugänglich sein.

Ein neues, diskriminierungsfreies Personenstandsgesetz bis zum 31. Dezember 2018 forderte auch das Bundesverfassungsgericht. Alternativ könne der Gesetzgeber auch auf die Erfassung des Geschlechts verzichten. Daraufhin hat der Bundestag Mitte Dezember 2018 beschlossen, dass inter Personen unter Vorlage eines ärztlichen Attests oder einer eidesstattlichen Erklärung den dritten Geschlechtseintrag „divers“ führen dürfen.
Dyadischen Nichtbinären wird weiterhin verweigert, ihr eigenes Geschlecht zu benennen. Während dessen müssen trans Frauen und trans Männer immer noch Gerichtsverfahren mit Gutachten durchstehen, die ihre Würde sehr wohl antasten. Die Gesetzesreform gewährt also vielen Menschen nach wie vor keinen Zugang zu Grundrechten .

Die Aktion Standesamt 2018 hat das kommen sehen und so sind in der zweiten Oktoberwoche bundesweit inter, trans und cis Personen zum Standesamt gegangen und haben Anträge auf Eintragung und Anerkennung ihres Geschlechts, oder auch auf Streichung des Geschlechtseintrages abgegeben. Sie fordern schon jetzt aktiv ein, was der Gesetzgeber ihnen vorenthält. Jeder abgelehnte Antrag eröffnet die Möglichkeit, für das Recht zu klagen, das eigene Geschlecht zu benennen.