Sex ohne Kinderwunsch

Zwischen verantwortungsvoller Elternschaft und Todsünde

„Und wenn man den Abortus mit der facultativen Sterilität auf eine Stufe stellen zu sollen glaubt, so ist der Vergleich nur richtig zwischen dem Abortus und der durch coitus sterilis erzielten facultativen Sterilität, welche ich für ebensowenig erlaubt halte, wie den künstlichen Abortus.“ (1890)

Safer und Verhütender Sex sollten genauso wie Abtreibung verboten sein? Ja, das denken manche auch heute noch. Der Papst sieht es sogar strenger als der Verfasser des obigen Zitates. Dabei lies er gerade eine Lockerung des Sterilisationsverbotes verlauten. Sterilisationen sind nun erlaubt, wenn die betreffende Person ohnehin nicht gebären kann. Für gebärfähige Personen sollte sie, wenn es nach der katholischen Kirche geht, immer noch keine Option sein. Auch Pille und Kondom nicht. Der Papst findet, es gibt auch ohne diese Mittel genug Verhütungsmethoden um verantwortungsvoll in die Elternschaft zu gehen und die Zahl der Kinder zu begrenzen. Mit dieser Meinung steht er keineswegs alleine da.

Onanie

Aber woher kommt diese Ablehnung von Verhütungsmitteln eigentlich? Die Antwort darauf entdecke ich in jenem Fachbuch des Jahres 1890: Offenbar wollte zu Biblischen Zeiten ein Typ namens Onan, keine Kinder mit seiner Schwägerin zeugen, die dann als Nachkommen seines verstorbenen Bruders gegolten hätten. Um die Zeugung zu verhindern, hat er Coitus Interruptus praktiziert. Das ist diese unglaublich unsichere Verhütungsmethode, bei der eins den Penis vor der Ejakulation aus der Vagina herauszieht. „Wegen dieses Verbrechens gegen die Natur wurde Onan, nach welchem der Coitus sterilis auch Onanie genannt wird, nach dem alten Testament mit plötzlichem Tode bestraft.
Nach den Grundsätzen der christlichen Moral ist der Coitus sterilis unbedingt verboten, ist Todsünde.“ (1890) 

Todesangst ist allerdings ein guter Grund, vor Verhütungsmitteln zu warnen. Wie gefährlich dieser verhütende Sex sei, zeigen zahlreiche Fachbücher um die Jahrhundertwende: Viele Ärzt*innen raten von der „mutuellen Onanie“ ab und attestieren ihr allerlei schlimme Folgen. Die oft seitenlangen Aufzählungen nennen unter anderen Nervenleiden, Herz- und Lungenkrankheiten. Insbesondere Frauen* sollen darunter leiden. Aber wenn Präventivverkehr als so gefährlich galt, was konnten Mediziner*innen dann Personen empfehlen, die keine (weiteren) Kinder wollten oder aus gesundheitlichen Gründen vermeiden sollten?

Enthaltsamkeit

Die meisten Autor’innen sprechen sich für die Abstinenz aus, als das einzig zulässige Mittel zur Vermeidung von Schwangerschaften. Allerdings gilt auch diese Empfehlung nur mit Einschränkungen: „Jeder Ehegatte hat das Recht, die Ausübung des ehelichen Lebens zu verlangen. […] Sind aber beide Ehegatten darüber einig, dass sie aus irgend einem erlaubten Grunde die Enthaltung beobachten wollen, so hat ihnen darüber Niemand Vorschriften zu machen.“ (1890) Einfach gesagt: wenn zwei sich einig sind, dürfen sie unter der Voraussetzung einer medizinischen oder sozialen Indikation auf Sex verzichten. Andernfalls müssen beide ihren ehelichen Pflichten nachkommen und die Frau* eben die Konsequenzen daraus tragen. Ja, hier wird Vergewaltigung in der Ehe für zulässig erklärt. Eine medizinische Indikation liegt vor, wenn eine Schwangerschaft negative Folgen für die schwangere Person hätte. Nur wenn eine Schwangerschaft mit Lebensgefahr oder anderen erheblichen gesundheitlichen Folgen einhergeht, darf eine fruchtbare Person den Sex (oder die Vergewaltigung) verwehren. Für manche war also nicht einmal die Enthaltsamkeit erlaubt…

Andere finden sie ein Absolut empfehlenswertes Mittel, und legen sie ganzen Bevölkerungsschichten nahe. So schreibt die medizinische Welt 1927: „Wer nicht über die nötigen Mittel verfügt, eine Familie menschenwürdig zu unterhalten, der soll überhaupt nicht heiraten und muß geschlechtlich enthaltsam leben.“ Bei dieser Forderung frage ich mich, wie weit die Ärzt’innen von ihren Patient’innen aus der Arbeiterklasse entfernt waren. Ob sie wirklich dachten, es sei menschenwürdig aus Armut auf Sex und Liebe zu verzichten?

Da wirkt die zeitweilige Enthaltsamkeit schon deutlich umsetzbarer. „Immer weisen wir wieder auf die Abstinenz hin, als das sicherste und würdigste Mittel, um vor einer nicht erlaubten Schwangerschaft zu schützen und zwar vor und nach der Menstruation unbedingt, weil in dieser Zeit eine Eizelle auf ihrer Wanderung begriffen ist und leicht von einer Spermazelle getroffen werden kann, in der Zwischenzeit aber, etwa 14 Tage nach Beginn der letzten Menstruation, ist für 8 Tage etwa eine gewisse Sicherheit gegeben.“ (1919) Nur einen Haken hat diese Empfehlung: Bei einem Zyklus von 28 oder mehr Tagen überschneidet sich der hier für Sex empfohlene Zeitraum mit den Tagen der höchsten Fruchtbarkeit. Eine verheerende Empfehlung, wenn es darum geht, Schwangerschaften zu vemeiden. Nur besser wussten es die Mediziner’innen zu diesem Zeitpunkt nicht.

Den Zyklus verstehen

Der menschliche Zyklus galt Mediziner’innen lange als ein Mysterium – gleichzeitig haben sie sich kaum damit beschäftigt. Einzelne, die versuchten näheres über den Zyklus zu erfahren, dokumentierten zu diesem Zweck die Menstruationen weiblicher Affen. „Die Äffin, die als einzige unter den Tieren eine echte, regelmäßig wiederkehrende Menstruationsblutung aufweist, hat nach den Untersuchungen […] einen mensuellen Zyklus, der durchschnittlich 27—30 Tage zählt. Im Gegensatz zu den übrigen Tieren, die eine ausgesprochene Brunst haben und in der Regel nur während dieser Zeit kopulieren, läßt die Äffin zu jeder Zeit des mensuellen Zyklus die Begattung zu, ohne aber nach jedem Coitus gravid zu werden. Die Tatsache also, daß beim Affen nicht jeder Coitus zur Schwangerschaft führt, weist darauf hin, daß auch bei diesem Tiere eine periodische Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit des Weibchens vorliegt. […]Aus diesen Beobachtungen an einer großen und gepflegten Affenkolonie errechnete Hartman eine 25% ige Fruchtbarkeit für den 1. Tag, eine 11%ige für den 12. und 13. Tag, und eine 25%ige Fruchtbarkeit für den 14. Tag des mensuellen Zyklus. Daraus ersehen wir, daß die Scheidung zwischen sterilen und fertilen Tagen des mensuellen Zyklus eine so scharfe ist, daß wir mit Recht nach Hartman von einer wirklichen „safe period“ im Verlaufe des monatlichen Zyklus der Äffin sprechen können.“(1934) Daten zur Monatsblutung von Menschen sammelten die Wissenschaftler’innen nicht.

Was die Wissenschaft nicht tat, empfahl jedoch manche Menstruierende ihrem Kinde. So waren es die Menstruierenden selber, die erste Datensätze schufen und diese mit Fragen ihren Ärzt’innen vorlegten.
Kyusaku Ogino, der die Eierstöcke seiner Patient’innen während gynäkologischer Operationen inspizierte, war der erste Mediziner, der die Gesetzmäßigkeiten des Zyklus erkannte. Er entwickelte die Kalendermethode, die Menschen mit Kinderwunsch zu mehr Erfolg verhelfen sollte. 1927 publizierte er diese erstmals in Japan. Dabei wies er ausdrücklich darauf hin, dass seine Kalendermethode zur Vermeidung von Schwangerschaften zu ungenau sei. Unabhängig von Ogino gelangte Hermann Knaus in Östereich mit physiologischen Experimenten ein Jahr später zum selben Schluss. Er allerdings empfahl die Methode auch zur Vermeidung von Schwangerschaften.

Zeitweise Enthaltsamkeit

Inzwischen wird die Kalendermethode kaum mehr gebraucht. Sie wurde abgelöst durch sicherere Wege, den eigenen Eisprung zu bestimmen. Am bekanntesten ist hier die Natürliche Familienplanung. Hierbei lernen menstruierende Personen anhand ihrer Körpertemperatur und verschiedener Körpersignale den Zeitpunkt ihres Eisprungs zu erkennen. Hierfür werden zum Beispiel die Position des Gebärmutterhalses und die Beschaffenheit des Cervixschleimes notiert. Vorteile dieser Methode seien, dass Paare* über Sex, Körperlichkeit und den Zyklus reden müssen, damit sie funktioniert. Auch würde hier der zeugungsfähige Part mit in die Verantwortung genommen. Innerhalb mancher Beziehung wird die Natürliche Familienplanung tatsächlich gemeinsam praktiziert: Die notwendigen Tabellen werden zusammen ausgefüllt und alle Beteiligten lernen, hieraus die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage abzulesen und die körperlichen Anzeichen von Fruchtbarkeit zu erkennen. Gemeinsam setzen sie sich mit dem fruchtbaren Körper auseinander und erforschen seine Signale.

Allerdings beibt die Verantwortung dafür, ein derart geregeltes Leben zu führen, dass diese Methode ihre größte Sicherheit erreicht, allein bei den Menstruierenden. Denn nur unter optimalen Bedingungen erreicht die Natürliche Familienplanung einen Pearl-Index von drei. Der Pearl-Index für die praktische Anwendung der symptothermalen Methode zeigt: Etwa jede’r vierte Anwender’in wird im Verlauf eines Jahres schwanger, obwohl sier genau das vermeiden will. Nichtdestotrotz meint der Papst die zeitweilige Enthaltsamkeit entsprechend der Beobachtung des eigenen Zyklus, wenn er behauptet, es gäbe genug Möglichkeiten um verantwortungsvoll in die Elternschaft zu gehen.




Quellen

1890 Carl Cappelmann – Facultative Sterilität ohne Verletzung der Sittengesetze
1919 Anna Fischer-Dückelmann – Das Geschlechtsleben des Weibes
1943 Hermann Knaus – Die periodische Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit des Weibes
Alle Bücher befinden sich im Archiv des Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien.
Online genutzte Quellen sind im Fliestext verlinkt.

Anmerkungen

Ich habe mich in der Formulierung zu Sex und Vergewaltigung an der Schreibweise der zitierten Autor’innen orientiert, weil es mir wichtig ist, aufzuzeigen, wie um die Jahrhundertwende über das Eheleben gedacht und geschrieben wurde. Selbstverständlich ist jeder „Sex ohne Einwilligung“ eine Vergewaltigung. Obwohl alle erwähnten Bücher Gewalt gegen Frauen, Inter und Trans sprachlich geschickt verstecken, zeigt sich darin ein massives Ausmaß geschlechtsspezifischer Gewalt.

Paar*: meine Quelle spricht von Paaren als eine monogame und romantische Beziehung zwischen einem cis Mann und einer cis Frau. In der Realität kommt sowas mitunter vor.