IIHolle

Performance mit Orakel aus Wildschweinzähnen
individuelle Dauer
Karnak 01. – 05. Juni 2019

Ablauf:
Ich mache mich mit der Besucher’in bekannt und stelle das Orakel vor. Die Besucher’in befragt das Orakel. Daraufhin sammle ich die Zähne ein und schütte sie aus einer gewissen Höhe mit Schwung auf die Orakeldecke. Die Antwort des Orakels ergibt sich aus der Lage der Zähne zueinander und auf dem Spielfeld. Diese übersetze ich nach festgelegten Regeln. Den Kern der Botschaft schreibe ich am Ende des Gesprächs auf einen Zettel und gebe ihn der Besucher’in mit.

Bei einem Waldspaziergang stieß ich auf den Schädelknochen eines Ebers. Der vordere Teil des Schädels war mit einer Kettensäge abgetrennt worden, um die Hauer als Trophäe einzustecken. Womit man sich nicht rühmen konnte, blieb im Wald. Ein paar Meter weiter, lag der Unterkiefer eines Frischlings. Fasziniert von dessen Zähnen legte ich sie frei. Ich erinnerte mich an die „furchteinflößend großen Zähne“ der Holle, die ich mir immer wie Wilschweinhauer vorgestellt hatte. Mit dieser Assoziation begann ich meine Recherche.

Tatsächlich galt das Schwein lange als Sinnbild für weissagende Fähigkeiten, weil es so eng mit der Erde und somit der Unterwelt verbunden ist. Oft ritten Fruchtbarkeitsgött’innen auf Schweinen oder wurden mit deren Hauern dargestellt. Mitunter trugen sie das Schwein auch im Beinamen.  Sie waren starke, unabhängige Figuren, die Leben gaben und nahmen, Schicksale spannen und gar Vorhersagen trafen. Es gab sogar eigene Schweineorakel und Schweinehirt’innen galten im früheuropäischen Mythos als hellsehend.

Mit der Verbreitung patriarchaler Werte und monotheistischer Religionen veränderte sich die Bedeutung des Schweines und der ihm verbundenen Göttt’innen. Aus dem starken und treuen Tier, das Fruchtbarkeit und Weisheit schenkte, wurde ein träger, schmutziger Erntevernichter. Gött’innen, die Leben gaben und nahmen während sie das Schicksal der Menschen spannen wurden gleichfalls dämonisiert und ihre Feste umgedeutet.
Von „hys“, dem altgriechischen Wort für Schwein, leiten sich übrigens auch „hystera“ (die Gebärmutter) und „Hagazussa“(die Zaunreiter’in) ab. Tatsächlich werden sowohl gebährfähige Personen, als auch jene, die am Rande der Gesellschaft stehen, häufig als problembehaftet dargestellt. Die Diagnose Hysterie, mit der vor allem eigenwillige Frauen belegt wurden, ist ein Beispiel dafür.

Das Orakel aus den Zähnen des Frischlings greift die alten Mythen auf und wird in der Gegenwart zum Spiegel der Menschen, die ihm begegnen. Dabei bricht es bewusst mit der allgegenwärtigen Forderung nach Vernunft, Konformität und Berechenbarkeit. Es lässt dem Zufall Raum und erzählt von individuellen Wegen hin zur Selbstermächtigung.