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Handstickerei auf Leinwand, Sisalseil, Schraubgläser, Wasser, Essigessenz, Öl, Stickrahmen, Schneckenhäuser
etwa 400cm x 300cm x 200cm
2019

Deutsche Übersetzung:

„meine Liebe,
blos habe ich mich vor dir hingestellt und dir mein Herz ausgeschüttet damit du mich verstehen kannst.
und du hast genickt und gelauscht und deine sanften Worte um mich gelegt um mich vor Schaden zu schützen.
aber diese Worte bröckeln.“

„ich werde Dich beschützen. Er wird meine Freundin* nicht nochmal anfassen.“

„du wirst immer meine Tochter sein“

„wie kann ich dich unterstützen?“

Mit ihrem Haus schützt sich die Schnecke vor äußeren Einflüssen. Bei jedem Schlurp trägt sie es auf ihrem Rücken, zieht sich bei Gefahr ganz darin zurück und verschließt manchmal gar die Tür, um zu überdauern. Sie baut ihr Haus ständig aus und flickt Beschädigungen um diesen Schutz zu erhalten. Dafür nimmt sie sehr viel Kalk zu sich – manche Schneckenart zersetzt hierfür sogar Steine.

Das Schneckenhaus als sicheren Ort finden wir auch in sprachlichen Bildern: „Die Schnecke trägt ihr Haus bei sich, weil sie den Nachbarn nicht traut.“ Wer von einer Auseinandersetzung überfordert ist – „zur Schnecke gemacht wurde“ – „zieht sich ins Schneckenhaus zurück“ um sich in Ruhe zu erholen.

Neben der Assoziation mit häuslicher Sicherheit, galt die Schnecke auch lange als Symbol für Weiblichkeit und macht heute von sich Reden, weil sie sich einer binären Geschlechterkonstruktion entzieht. Für mich liegt in diesen Assoziationen ein spannender Widerspruch:  Frauen und nichtbinäre Personen sind insbesondere im häuslichen Bereich gefährdet, Gewalt zu erleben.

Dieser Gegensatz ist Anlass der Installation, die die Auswirkungen psychischer Gewalt im sozialen Nahraum nachvollzieht. Gerade da, wo wir verletzlich sind, lauern Sätze, die zunächst liebevoll klingen mögen und doch geeignet sind, uns klein zu halten. Oft sind diese Sätze nur schwer zu entlarven, weil sie gesellschaftlich eine hohe Wertung haben.

Wer sich anvertraut, sollte erfahren, dass das eigene Sein und intime Bedürfnisse wahrgenommen oder erfragt werden. All zu leicht verschwinden diese jedoch hinter den Projektionen des Gegenübers.
So ist es anerkannt, wenn der Partner einer Person, die einen sexualisierten Übergriff erlebt hat mit Aggression gegen den Täter reagiert, statt den Fokus auf die Bedürfnisse der betroffenen Person zu legen.
Elternschaft wird derart romantisiert, dass viele vergessen, dass nicht alle, die sich als Eltern bezeichnen, das für die betreffenden Kinder sind. Manche berufen sich auf Elternschaft, um ein Kind emotional an sich zu binden. Andere sehen eine Tochter und verkennen, dass sie tatsächlich einen Sohn oder ein nichtbinäres Kind haben.

Solche vielleicht gut gemeinten Worte, geben weder Sicherheit noch Raum zur Heilung. Viel eher fügen sie weitere Verletzungen hinzu. In der Installation wird der Trug hinter solchen Worthüllen Stück für Stück entlarvt: Die betreffenden Schneckenhäuser lösen sich im Laufe der Ausstellung auf. Ein wirkliches Zuhause bleibt nur da, wo die individuellen Bedürfnisse Platz haben.